Nicht der Extra-Euro, sondern der Sinn zieht Talente an
Der Mensch steht im Mittelpunkt unseres Unternehmens – dieser Satz macht müde, so oft haben wir ihn schon gehört. Der Management-Vordenker Peter Drucker füllt ihn gleichwohl mit Leben. Sein Vermächtnis, das eine Beraterin aus kurz vor seinem Tod geführten Gesprächen verfasst hat, enthält die drei goldenen Regeln der Mitarbeiterführung:
- Begegnen Sie den Menschen in Ihrem Unternehmen jeden Tag mit Würde und Respekt .
- Geben Sie Ihren Mitarbeitern alles an Bildung, Training, Ermutigung, Unterstützung, was sie brauchen.
- Quittieren Sie Leistung mit Anerkennung .
Diese Regeln gewinnen in Zeiten des wiederkehrenden Wettlaufs um Talente an Gewicht. Paul O'Neill, Finanzvorstand des in den USA führenden Aluminiumherstellers Alcoa und früher Student bei Drucker, hat diese Regeln befolgt. Sein Ziel war es, Alcoa zum ersten Unternehmen der Welt zu machen, das Unfallrisiken für die Mitarbeiter praktisch ausschließt – und das zwischen Schmelzöfen, in denen Aluminium kocht. Die größten Skeptiker saßen im eigenen Haus. Die Unfallrate sei doch bereits niedriger als im US-Durchschnitt, sagten sie. O'Neill blieb stur. Er schaffte es, dass zwischen 1987 und 2000 die Zahl der durch Arbeitsunfälle verlorenen Manntage pro 100 Beschäftigte von 1,87 auf 0,15 jährlich zurückgingen. Im gleichen Zeitraum verfünffachten sich Umsatz und Gewinn des Unternehmens. Dahinter steckt keine Hexerei: Alcoa wandte konsequent und für alle Mitarbeiter Druckers drei goldene Regeln an und verbesserte die Arbeitsabläufe. Das führte zu weniger Unfällen und mehr Produktivität. Wichtig ist, dass auch wirklich alle Mitarbeiter in die Trainings einbezogen werden. Heute hilft O'Neill, das US-Gesundheitswesen zu reformieren. Manchmal kokettiert er damit, dass es deutlich weniger risikoreich ist, bei Alcoa am Schmelzofen zu stehen, als in einem Krankenhaus in den USA zu arbeiten. Für Menschen Sorge zu tragen, ist laut Drucker die oberste Aufgabe des Unternehmers in Zeiten knapper werdender Personal-Ressourcen: Das hat nichts mit Sozialromantik zu tun, eher mit nüchternem Kalkül. Denn Qualifizierte können ihr Talent in verschiedenen Branchen, Unternehmen, Funktionen einsetzen – wenn es ihnen an einem Ort nicht passt, ziehen sie weiter. Nur ein starker Anker hält Leistungsträger auf Dauer. Deshalb fordert Drucker eine klare, knappe Botschaft, eine Vision, die den Mitarbeitern den Sinn ihres Tuns vermittelt. „Der Text Ihrer Vision sollte so kurz sein, dass Sie ihn auf ein T-Shirt drucken können“, sagt er. Genauso wichtig ist es, den Mitarbeitern das Gefühl – es darf aber nicht beim Fühlen bleiben – zu geben, dass sie ihre Arbeit selbstständig gestalten . Die US-Supermarktkette Whole Foods richtet in jeder Filiale Steuerungsteams ein, die sich eigenverantwortlich um Marketing oder Mitarbeiterrekrutierung kümmern. „Wirtschaft ist der Motor der Demokratie“, sagt Drucker. So müssen zwei Drittel der Teammitglieder bei Whole Foods zustimmen, bevor ein neuer Mitarbeiter nach 30 Tagen Probezeit eingestellt wird. Der Rest ist Technik: präzise Aufgabenbeschreibungen, professionelles Wissensmanagement, systematische Personalentwicklung. Strukturen und Arbeitsabläufe dürfen Mitarbeiter nicht blockieren. Beispiel: Eine Vertriebsmanagerin bei Microsoft, die die Festanstellung gegen eine Freelancer-Tätigkeit tauschte, merkte plötzlich, wie ihre Produktivität explodierte. Der Grund war, dass sie sich nicht mehr durch endlose Meetings quälen musste. So gelangte sie in eine Aufwärtsspirale: Erfolg schafft Respekt, Respekt schafft Selbstvertrauen, Selbstvertrauen schafft Erfolg .
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