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Wie Sie als Betriebsrat das „Hamburger Modell“ zum Erfolgsmodell Ihrer eigenen Arbeit machen

Bei dem Hamburger Modell“ handelt es sich um eine Wiedereingliederungsmaßnahme. Die Wiedereingliederung in das Arbeitsleben erfolgt dabei stufenweise. Geregelt ist es in § 74 Sozialgesetzbuch (SGB) V und in § 28 SGB IX.

Was sind die Vorteile des Hamburger Modells?

Hier ist zunächst zu nennen, dass der Arbeitnehmer schrittweise wieder in seinen Beruf zurückkehrt, also nicht arbeitslos wird. Außerdem behält ein Arbeitgeber seinen Arbeitnehmer, muss also keinen Ersatz suchen. Zudem hat Ihr Arbeitgeber während der Laufzeit des Hamburger Modells eine kostenlose Arbeitskraft: Denn der Arbeitnehmer ist während der Laufzeit des Hamburger Modells immer noch krankgeschrieben. Deshalb erhält er während der Maßnahme weiterhin Krankengeld bzw. Übergangsgeld. Dieses wird von der Krankenkasse bzw. von der Rentenversicherung gezahlt.

Tipp:
Betroffene Beschäftigten sollten das Modell von sich aus vorschlagen, denn sie können damit in das Arbeitsleben zurück. Der Arbeitgeber wird meist zustimmen, weil kein finanzieller Druck auf ihm lastet.

Wichtig:
Ihr Arbeitgeber muss während der Wiedereingliederung also keinen Lohn zahlen! Im Gegenzug schuldet der Arbeitnehmer aber auch keine Arbeitsleistung, denn er ist an sich immer noch arbeitsunfähig.

Wie wird das Hamburger Modell in die Wege geleitet?

Der Arbeitgeber oder Ihr Kollege kann das Hamburger Modell vorschlagen. Ihr Kollege muss sich dann mit seinem Arzt abstimmen. Geht dieser davon aus, dass der Arbeitnehmer seine Tätigkeit teilweise wieder verrichten kann, muss er einen Wiedereingliederungsplan aufstellen. Dabei muss er die Erkrankung und den Genesungsfortschritt Ihres Mitarbeiters berücksichtigen.

Wichtig: Diese Wiedereingliederungsmaßnahme ist freiwillig. Weder muss Ihr Arbeitgeber einem Gesuch des Arbeitnehmers zustimmen, noch muss der Arbeitnehmer sich einem Vorschlag des Arbeitgebers fügen.

Das unterscheidet die Wiedereingliederung auch vom betrieblichen Eingliederungsmanagement. Dieses muss Ihr Arbeitgeber anbieten, wenn Ihr Kollege binnen eines Jahres länger als 6 Wochen am Stück arbeitsunfähig war.

Diese 6 Punkte muss jeder Wiedereingliederungsplan erfüllen

Der Wiedereingliederungsplan, den Ihr Kollege vorlegen muss, sieht normalerweise eine Arbeitsaufnahme mit wenigen Wochenarbeitsstunden vor, stufenweise steigert sich der Arbeitnehmer dann bis zur Vollzeit.

Die Wiedereingliederung ist für den Arbeitgeber ohnehin freiwillig. Aber ohne Plan muss sich Ihr Arbeitgeber nicht auf eine Wiedereingliederung einlassen. Das hat das Bundesarbeitsgericht so entschieden (BAG, 13.6.2006, Az. 9 AZR 229/05). Der Mitarbeiter muss deshalb von seinem behandelnden Arzt einen Wiedereingliederungsplan vorlegen, der die folgenden Punkte enthält:

  • Beginn und Ende des Stufenplans
  • nähere Angaben zu den einzelnen Stufen (insbesondere Art und Dauer)
  • voraussichtlicher Zeitpunkt der Wiederherstellung der vollen Arbeitsfähigkeit
  • Rücktrittsrechte und -gründe bei der Maßnahme
  • zu vermeidende Tätigkeiten und Belastungen
  • flankierende Maßnahmen am Arbeitsplatz (Kauf eines ergonomischen Arbeitsgeräts)

Ihr Kollege soll auf seinem Arbeitsplatz eingegliedert werden, nicht auf einem anderen. Eine Wiedereingliederung kann z. B. durch ständige oder zeitbezogene Arbeitszeitreduzierung oder Veränderung bzw. Umbau des Arbeitsplatzes erfolgen.

Bei der stufenweisen Wiedereingliederung werden auch die Stufen bezeichnet, z. B.:

  • Stufe 1 = Arbeit von 3 Stunden
  • Stufe 2 = Arbeit von 5 Stunden

Wichtig: Wenn Ihr Arbeitgeber und der Arbeitnehmer sich einig sind, muss die Wiedereingliederung von der Krankenkasse genehmigt werden. Sie muss der Maßnahme zustimmen, bevor die Maßnahme beginnt. Halten Sie sich hieran! Denn nimmt Ihr Kollege seine Arbeit ohne Zustimmung auf und passiert ihm dann etwas, könnten Sie beide in versicherungsrechtliche Schwierigkeiten geraten.

Wie lange dauert das Hamburger Modell?

Die Wiedereingliederung nach dem Hamburger Modell kann einige Wochen, aber auch bis hin zu 6 Monaten dauern. Haben Arbeitgeber und Arbeitnehmer eine Wiedereingliederung nach dem Hamburger Modell gestartet und zeichnet sich dann ab, dass die vereinbarte Laufzeit zu kurz war, kann Ihr Arbeitgeber die Eingliederungsmaßnahme verlängern. Hierzu ist aber wieder die Zustimmung der Krankenkasse notwendig.

Muss der Arbeitsvertrag angepasst werden?

Den Arbeitsvertrag muss Ihr Kollege nicht anpassen bzw. ändern. Denn die Wiedereingliederung lässt das Arbeitsverhältnis unberührt. Die Wiedereingliederung ist eine reine Rehabilitationsmaßnahme. Dem Arbeitnehmer soll es so ermöglicht werden, auf seinem bisherigen Arbeitsplatz weiterzuarbeiten – zunächst nur in einem geringen Stundenumfang, später dann wieder voll.

Was ist, wenn der Arbeitnehmer sich übernimmt oder nicht arbeitet?

Nimmt ein Arbeitnehmer seine Wiedereingliederungschance nicht wahr, dann ist die Wiedereingliederung gescheitert. Der Arbeitnehmer hat sich damit aber keinen Gefallen getan. Denn wenn ihn der Arbeitgeber später krankheitsbedingt entlassen muss, kann Ihr Arbeitgeber darlegen, dass er ihm gebotene mildere Mittel ausgeschlagen hat.

Übernimmt sich der Mitarbeiter, kann Ihr Arbeitgeber die Wiedereingliederung aus gesundheitlichen Gründen abbrechen. Ihr Kollege und Ihr Arbeitgeber sollten in diesem Fall aber vorher unbedingt mit der Krankenkasse sprechen. So bleibt das Ganze immer ein gemeinsames Projekt. Weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer wirken als Person, die mutwillig und einseitig die Maßnahme abbricht.

Fazit: Ist einer Ihrer Kollegen längere Zeit erkrankt, dann kann er mit dem Hamburger Modell gut testen, ob und inwieweit er wieder einsatzfähig sein wird. Arbeitgeber und Arbeitnehmer profitieren davon: Ihr Kollege wird langsam wieder fit und Ihren Arbeitgeber kostet das Ganze keinen Cent!

01.01.2012
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In meiner Arbeit als Betriebsrat muss ich mich oft mit meinem Arbeitgeber auseinandersetzen. Nur oft weiß ich gar nicht wie ich plätzliche Angriffe seinerseits kontern soll. „Urteilsdienst für den Betriebsrat“ hat mir viele wirksame rhetorische Kniffe gezeigt, mit denen ich meine Schlagfertigkeit steigern konnte.

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