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Wie sich Diskriminierung vermeiden lässt

26.04.2017

Bei vielen Unternehmen ist Diskriminierung kein Thema. Meist ist das kein Zufall, sondern liegt entweder an geeigneten präventiven Maßnahmen oder ist in der Unternehmensphilosophie begründet. Nicht immer sind es die besonders ausgefeilten Strategien, die zum Erfolg führen. Viel ist davon abhängig, ob der Arbeitgeber oder Vorgesetzte als Vorbild taugt.

So wie im Fall des Familienunternehmens RO/SE Blechverarbeitung aus der Nähe von Passau: Laut Geschäftsführer Josef Brunner gibt es kein spezielles Konzept gegen Diskriminierung, da so etwas in seinem Unternehmen mit 50 % Schwerbehindertenanteil schlichtweg nie vorkam. Für ihn ist es wichtig, alle Mitarbeiter gleich zu behandeln: „Ich begrüße jeden Morgen alle Mitarbeiter in der Produktion gleich. Da können gar keine Missverständnisse aufkommen.“

Jens Nitze, der in Berlin einen Malereibetrieb führt, kann sich sehr gut in seine Mitarbeiter mit Schwerbehinderung hineinversetzen, da er zu 70 % hörgeschädigt ist. Ein Teil seiner schwerbehinderten Angestell¬ten ist gehörlos. Diskriminierung wird in seinem Betrieb nie ein Thema sein. „Bei Problemen jeglicher Art vereinbaren wir einen gemeinsamen Termin mit dem berufsbegleitenden Dienst“, schildert er.

Eine diskriminierungsfreie Unternehmenskultur

Auch viele größere Unternehmen haben keine Probleme mit Diskriminierung. Die Teamleiterin Schwerbehindertenangelegenheiten der Telekom, Regine Happe, äußert, dass Diskriminierungen aufgrund von Behinderungen in ihrem Unternehmen nicht bekannt seien. Als Hauptursache dafür macht sie die seit Jahren hohe Schwerbehindertenquote im Unternehmen aus.

Bei VERIVOX, Verbraucherportal für Preisvergleiche, ist die Situation ähnlich. Pressesprecherin Verena Blöcher berichtet: „Alle unsere Beschäftigten mit Schwerbehindertenausweis sind sehr gut integriert. ,Anderssein‘ ist bei uns nicht die Ausnahme, sondern der Alltag.“

Bewerbungsprozess als wichtiger Präventionsbaustein

Vor allem in Unternehmen, die (viele) Menschen mit Behinderungen beschäftigen, ist das Diskriminierungsrisiko eher gering. Sie achten schon im Bewerbungsprozess darauf, Menschen mit Schwerbehinderung nicht zu benachteiligen. „Wer schwerbehindert ist, wird in Bewerbungs- und Einstellungsverfahren der Bundesagentur für Arbeit (BA) nicht Opfer von Diskriminierung, sondern automatisch in unsere Bewerbungsverfahren einbezogen“, berichtet etwa Thomas Wicher, Vertrauensperson der behinderten Menschen im Bezirk der Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen der BA.

Idealerweise begegnet der Arbeitgeber Mobbing und Diskriminierung schon im Bewerbungsgespräch präventiv. Der kleine Berliner Dienstleistungsbetrieb Forever Clean nutzt diese Methode seiner Geschäftsführerin Aynur Boldaz-Özdemir zufolge erfolgreich: „Im Bewerbungsgespräch erklären wir Bewerbern unsere besonders offene Unternehmenskultur. So finden wir relativ leicht heraus, wer zu uns passt und ob wir zum Bewerber passen.“

Gelebte Inklusion und Kommunikation als Schlüsselfaktoren

Grundsätzlich ist eine klare Unternehmensphilosophie für weniger Diskriminierung unabdingbar, wie Heidrun Thoma vom Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim unterstreicht: „Unser Ansatz ist Inklusion, den wir konsequent und erfolgreich verfolgen und leben. Dies hat sich als richtige Strategie gegen Diskriminierung bewährt.“

Unterstützend braucht es eine gute Kommunikation, weiß sie: „Wir stehen in regelmäßigem Austausch mit den verschiedenen Beteiligten und Verantwortlichen.“ Aynur Boldaz-Özdemir ergänzt: „Wir versuchen immer, miteinander zu reden, Verständnis zu wecken und uns im Team über die Belange aller Mitarbeiter gleichermaßen auszutauschen.“

Verena Blöcher bezeichnet den Kommunikationsprozess in ihrem Unternehmen als sehr positiv: „Wir haben regelmäßige Treffen, um den Informationsaustausch auf allen Ebenen zu gewähren. Daran nehmen im Wechsel immer ein Mitglied der Geschäftsleitung sowie jeweils unterschiedliche Mitarbeiter teil. Wir gehen auf jede Beeinträchtigung individuell ein, suchen und schaffen Lösungen.“

Mein Tipp
Motivieren Sie Ihre Kolleginnen und Kollegen, durch gute Arbeit und Entgegenkommen zu überzeugen. Sprechen Sie Ihren Kollegen wenn nötig auch Selbstbewusstsein zu, bei möglichen Anfeindungen oder Ausgrenzungen ganz offen mit dem Arbeitgeber und dem Personal-/Betriebsrat zu kommunizieren.

Jens Nitze stellt aber auch klar: „Wir nehmen auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Schwierigkeiten Rücksicht; unsere schwerbehinderten Angestellten müssen sich aber auch dem Betriebsablauf anpassen.“

In seinem Betrieb führt das Geben und Nehmen zu Respekt und Anerkennung: „Nicht nur die Auftraggeber, sondern auch die eigenen Mitarbeiter schätzen die Arbeiten unserer behinderten Mitarbeiter.“ Gegenseitiges Verständnis füreinander fördert bei VERIVOX der sogenannte „Blick über die Schulter“, bei dem ein Mitarbeiter den Arbeitsalltag einer Führungskraft begleiten darf.

Verständnis schaffen!

Trotz aller Bemühungen lassen sich Diskriminierung und Mobbing in vielen Unternehmen nie ganz ausschließen. Deshalb ist es umso wichtiger, wenn Arbeitgeber an ihrer „inklusiven“ Ausrichtung sowie der Philosophie der Gleichberechtigung festhalten und erfolgreiche Strategien ggf. weiter verbessern. Es ist hilfreich, wenn Mitarbeiter untereinander ihre Bedürfnisse und Wünsche kommunizieren können.

Fazit
Oft sind es einfache Maßnahmen wie eine klare Kommunikation im Betrieb, die Diskriminierung schon im Ansatz entgegenwirken. Seien Sie kreativ und initiieren Sie gemeinsame Aktivitäten, damit „Netzwerken“ Spaß macht!

Zeigen Sie entschiedenen Einsatz für mehr Gleichbehandlung und gegen Mobbing

Ihre Aufgabe beginnt damit, dafür zu sorgen, dass schwerbehinderte Menschen nicht benachteiligt und ihre Rechte eingehalten werden. Sowohl auf Kollegen als auch auf den Arbeitgeber sollten Sie diplomatisch, aber nachdrücklich Einfluss nehmen. Ihr Handlungsfeld be¬ginnt in der Bewerbungsphase.

Die Hauptursache, dass der Zugang zum Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderungen eingeschränkt ist, lässt sich auf sogenannte men¬tale Barrieren zurückführen. Es bestehen nach wie vor große Vor-behalte, Befürchtungen und Wahrnehmungsdefizite hinsichtlich der Einsatzmöglichkeiten von Menschen mit Behinderungen und chroni¬schen Erkrankungen. Vor allem Schwerbehinderte gelten als weniger leistungsfähig und belastbar, krankheitsanfälliger und unkündbar.

Mein Tipp
Ihre Rolle als Vertrauensperson ist in einer Zeit des Leistungsdrucks und der Zeitknappheit eminent wichtig! Versuchen Sie, durch objektive Informationen aufzuklären und vorgeprägte Meinungen über Menschen mit Behinderungen abzubauen. Lenken Sie das Augenmerk Ihres Arbeitgebers auf die vorhan¬denen Potenziale von (schwer)behinderten Bewerbern und zeigen Sie auf, wie diese gewinnbringend nutzbar sind.

1. Weisen Sie auf Fördermöglichkeiten hin

Viele Arbeitgeber kennen sich zudem mit den Fördermöglichkeiten für schwerbehinderte Beschäftigte nicht aus oder setzen sich einfach nicht damit auseinander. Weisen Sie deshalb Ihren Arbeitgeber immer wieder auf Fördermöglichkeiten der Arbeitsagentur und des Integrationsamts hin. In manchen Fällen kann es auch sinnvoll sein, Ansprechpartner in Ämtern zu sensibilisieren, damit diese verstärkt auf Arbeitgeber zugehen. Dann verbessern sich die Chancen für eine intensivere Zusammenarbeit.

2. Nutzen Sie das Wissen der Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes unterstützt und berät auf unabhängige Weise Personen, die Benachteiligungen bzw. Diskriminierungen erfahren haben. Die Stelle informiert die Öffentlichkeit über das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz und forscht zum Thema Diskriminierung. Im Streitfall hilft die Bundesstelle den Betroffenen, eine außergerichtliche Einigung zu erzielen.

3. Gehen Sie aktiv gegen Mobbing vor

Greifen Sie bei Mobbing möglichst frühzeitig ein, um eine aggressive Entwicklung zu bremsen und für Deeskalation zu sorgen. Die folgenden Empfehlungen eröffnen Ihnen einige Handlungsmöglichkeiten. Außerdem können Sie dem Arbeitgeber und Mobbingopfern damit eine gezielte Anleitung bieten. Ich bewerte für Sie auch den rechtlichen Spielraum.

Leitfaden: Ihre ersten Schritte bei Mobbing

1. Führen Sie ein Vermittlungsgespräch
Ziehen Sie unbedingt eine andere, neutrale Person hinzu. Ziel ist eine einvernehmliche Vereinbarung.

2. Holen Sie sich Unterstützung beim Personal-/Betriebsrat
Die Arbeitnehmervertretung ist verpflichtet, gegen Mobbing vorzugehen und die Opfer zu beraten und zu unterstützen.

3. Bieten Sie dem Mobbingopfer praktische Hilfe an
Zeigen Sie dem betroffenen Arbeitnehmer alle inner- und außerbetrieblichen Möglichkeiten der Unterstützung auf.

4. Informieren Sie das Mobbingopfer über Hilfsangebote
Geben Sie die Hilfsangebote von Krankenkassen und Berufsgenossenschaften an das Opfer weiter.

Handlungsleitfaden für Mobbingopfer

  • Selbstbewusstsein an den Tag legen: Der Betroffene sollte sich wehren und den Mobber deutlich auffordern, sein negatives Verhalten zu unterlassen.
  • Mobbingattacken ins Leere laufen lassen: Unverschämten Fragen sollte am besten mit Gegenfragen gekontert werden.
  • Lösungsorientiert denken:
    • Bei einem Vermittlungsgespräch sollte Kompromissbereitschaft gezeigt werden.
    • Das Mobbingopfer sollte professionelle Hilfe, z. B. bei Mobbing¬beratungsstellen, in Anspruch nehmen.

Rechtliche Schritte sehr sorgfältig vorbereiten

Wer strafrechtlich gegen Mobbing vorgehen möchte, sollte beachten, dass er als Opfer die Beweislast trägt. Deshalb ist es vor einem rechtlichen Schritt entscheidend, möglichst viel Beweismaterial zu sammeln. Dazu gehören Protokolle von Zwischenfällen, E-Mails sowie ggf. interne Mitteilungen. Es ist sehr wichtig, den Vorgesetzten über das Mobbing rechtzeitig zu informieren.

Mein Tipp
Machen Sie Ihren schwerbehinderten Kollegen klar, dass sie den Rechtsweg immer abhängig von der Schwere des Mob¬bings in Erwägung ziehen sollten. Wenn es so weit kommt, ist die professionelle Begleitung durch einen Anwalt unbedingt empfehlenswert!

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