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Umsetzung des Schwerbehindertenrechts: Warum ein Hamburger Beratungsservice seit 15 Jahren erfolgreich ist

Hamburger Arbeitgeber können sich bei der Umsetzung des Schwerbehindertenrechts seit 2001 von einem speziellen Beratungsdienst unterstützen lassen. Die Beratungs- und Inklusionsinitiative Hamburg (BIHA) wird vom Unternehmensverband Nord (UV Nord) unterstützt. Das Integrationsamt Hamburg finanziert diesen Beratungsdienst seit dem Jahr 2001. Ebenfalls seit 2001 wirbt der UV Nord kontinuierlich bei seinen Mitgliedsunternehmen für dieses Beratungsangebot.

Das Beratungsangebot war 2001 noch eine sehr innovative Idee: Arbeitgeber sollten von einer Stelle ihres Vertrauens bei der Umsetzung des Sozialgesetzbuchs (SGB) IX beraten werden. Der UV Nord war bereit, eine solche Stelle zu schaffen. Kernaussage: Dieser Beratungsstelle können Arbeitgeber vertrauen. Dort erhalten vor allem auch kleine und mittlere Unternehmen die notwendige Hilfe und Unterstützung.

Seitdem leistet BIHA (www.faw-biha.de) zuverlässige Arbeit. Dabei stehen Vertrauen und Akzeptanz im Vordergrund: Bei etwa 900 Unternehmen wurden über 2.500 Beratungsgespräche mit Geschäftsführern und Personalverantwortlichen geführt.

Konzept verbreitet sich bundesweit

Seit 2013 findet das Konzept auch bundesweite Verbreitung. Mit Wirtschaft inklusiv (www.wirtschaft-inklusiv.de ) konnte die Idee eines arbeitgebernahen Beratungsangebots in 8 weiteren Bundesländern
Fuß fassen. Kostenträger ist der Ausgleichsfonds beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Der Projektleiter von Wirtschaft inklusiv, Manfred Otto-Albrecht, war zuvor fast 10 Jahre Leiter des Hamburger Beratungsdienstes zur betrieblichen Umsetzung des SGB IX.

Das Projekt findet übrigens nicht nur bei Unternehmen beste Akzeptanz. Auch viele SBV schätzen die Arbeit von BIHA als förderlich für die Entwicklung inklusiver Betriebsstrukturen.

Wie Unternehmen von Netzwerken profitieren

Die Beratungsinitiative hat in den 15 Jahren ihres Bestehens die Entstehung von Netzwerken durch die Einberufung von runden Tischen gefördert. Runde Tische finden z. B. zum Thema „Betriebliches Eingliederungsmanagement und Beschäftigung schwerbehinderter Menschen“ oder zum Thema „Demografie“ statt.

Alle sind sich einig: BIHA ist eine gute Sache

Die 15 Jahre erfolgreiche BIHA-Arbeit musste natürlich gebührend gefeiert werden. Im historischen Empfangssaal des Unternehmens Hamburg Wasser begrüßte die kaufmännische Geschäftsführerin Nathalie Leroy eine beachtliche Feiergemeinde: Hamburgs Arbeitsund Sozialsenatorin Dr. Melanie Leonhard, den Geschäftsführer des UV Nord, Sebastian Schulz, die Leiterin des Integrationsamts, Brigitte Ritter, etwa 100 Gäste aus der Wirtschaft und Schwerbehindertenvertretungen sowie einige Vertreter von Integrationsfachdiensten.

Die Perspektive der Arbeitgeber

Wie bei den meisten Veranstaltungen von BIHA war der UV Nord aktiv an der Festveranstaltung und der Festbroschüre beteiligt. Michael Thomas Fröhlich (Hauptgeschäftsführer von UV Nord) würdigte
in der Festbroschüre das Projekt mit folgenden Worten: „Als wir vor 15 Jahren das Projekt BIHA der Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW) mitbegründet haben, waren wir zwar vom Konzept und der Notwendigkeit eines solchen Projekts überzeugt. Dass BIHA aber zu einem so erfolgreichen Partner der Wirtschaft werden würde, war nicht unbedingt vorauszusehen – die Rückmeldungen zu Ihrer Arbeit aus
unseren Mitgliedsunternehmen jedenfalls sind ausschließlich positiv.“ In der Festveranstaltung lobte der Geschäftsführer Sebastian Schulz die Arbeit des Projekts und berichtete über Beispiele.

Die Sicht der Behörde

Die Leiterin des Integrationsamts der Stadt Hamburg, Brigitte Ritter, hob in ihrem Grußwort hervor, dass BIHA auch diejenigen Unternehmen für die berufliche Teilhabe schwerbehinderter Menschen gewinne, die das Integrationsamt als behördliche Institution nicht erreichen könne. BIHA hat bei den Hamburger Arbeitgebern eine Akzeptanz für die Anliegen der Inklusion aufgebaut, die das Integrationsamt zum Wohle der schwerbehinderten Menschen auch zukünftig intensiv nutzen will. Der UV Nord und die FAW mit BIHA öffnet bei Arbeitgebern Türen: „Hier werden betriebliche Entscheidungsträger erreicht, die wir als Behörde nie erreicht hätten, und es wird zugehört“, hob Ritter hervor.

Die Sicht des Trägers FAW

Richard Nürnberger, Geschäftsführer der FAW gGmbH, gratulierte dem Projekt. Tanja Karten – Regionalleiterin – betonte, dass der Ansatz der FAW, die Bedürfnisse von Arbeitnehmern und die Anforderungen der Wirtschaft optimal in Einklang zu bringen, nirgends deutlicher wird als im Blick auf die Arbeit von BIHA. Die enge Kooperation der FAW mit dem Integrationsamt und die strategische Partnerschaft mit der UV Nord machen eine der Besonderheiten des Projekts aus.

Manfred Otto-Albrecht – Projektleiter von BIHA von 2003 bis 2013 und heute Projektleiter bei Wirtschaft inklusiv – beschrieb das Konzept von BIHA in seinem Festvortrag wie folgt:

„Im Kern finden wir bei dem Beratungsdienst BIHA

  • †eine konsequente Arbeitgeberorientierung und die strategische Partnerschaft mit den Arbeitgeberverbänden, die die Möglichkeiten und die Grenzen betrieblicher Aktivitäten bei der Inklusion berücksichtigt,
  • †sowie die persönliche Beratung in den Betrieben als Basis und quasi als Keimzelle der Sensibilisierung, Information, Beratung und Unterstützung von Unternehmen.

Mit diesen Grundsätzen verfolgt BIHA ihre Ziele:

  • †mehr Knowhow für die betrieblichen Akteure, gerade für kleine und mittelständische Betriebe, die in der Regel keine eigenen Ressourcen für dieses Thema aufbringen können,
  • eine bessere Vernetzung mit Institutionen und Experten sowie
  • teilhabeförderliche Gestaltung betrieblicher Strukturen und Prozesse.“

BIHA ist – so führte Otto-Albrecht weitert aus – eine Kooperation, eine Art Public-private-Partnership von staatlicher Zuständigkeit, Arbeitgebern und ihren Verbänden – mit der Fachlichkeit eines Reha-Dienstleisters. Bezüglich der Beschäftigung schwerbehinderter Menschen handelt es sich also um eine ungewöhnliche Allianz, bei der jeder der 3 Partner mindestens in seinem eigenen „Lager“ Widerstände,
Misstrauen, Skepsis, Vorsicht und Unsicherheit überwinden muss. Heute findet BIHA in Hamburg sehr breite Anerkennung in allen „Lagern“.

Das Besondere des BIHA-Ansatzes ist, dass er das Instrumentarium einer sozialverantwortlichen Unternehmensberatung mit juristischer Fachlichkeit und sozialpolitischer Aufgabenstellung kombiniert. Das war und ist bis heute der methodische Mix des Projekts – und macht in der Konsequenz die besondere Qualität des Ansatzes aus.

Mein Tipp
Für Sie als Schwerbehindertenvertretung wird nach den Hamburger Erfahrungen Ihre Vertretungsarbeit in der Regel effektiver, wenn sich Ihre Geschäftsführung von einem arbeitgebernahen Beratungsdienst unterstützen lässt. Mit sachkundigem Gegenüber auf der Arbeitgeberseite kommen Sie auf Dauer zu besserer Zusammenarbeit.

Sie können im Monatsgespräch mit dem Arbeitgeber das Thema Beratung durch Wirtschaft inklusiv ansprechen. Prüfen Sie vorher auf der Website www.wirtschaft-inklusiv.de, ob ein solches Beratungsangebot in Ihrer Region verfügbar ist.

04.12.2017
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