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Frei sprechen? Kein Problem!

23.05.2016

„Stellen Sie doch mal kurz unser Projekt vor!“ fordert der Chef Sie auf – und vor Ihnen sitzen 40 Menschen, die Ihren Ausführungen teils gespannt, teils skeptisch entgegensehen.

Für viele Menschen sind solche Situationen ein Alptraum.

Aber mit etwas Übung und der richtigen Technik kann es jeder schaffen. Das ist der Grundsatz der Toastmasters, einer weltweiten Rednervereinigung. Denn (so gut wie) niemand ist als Redner geboren. Reden kann und muss man lernen.

Sagen Sie also nicht „Das liegt mir nicht“, sondern gehen Sie’s an!

So halten Sie vor vielen Menschen eine mitreißende Rede

Suchen und schaffen Sie Redegelegenheiten
Der beste Ansatzpunkt ist die Einsicht, dass Sie doch eigentlich gern reden – nur nicht „offiziell“ und vor vielen Menschen. Weil es sich in der persönlichen Atmosphäre unter Freunden und Bekannten besser reden lässt, üben Sie erst einmal in diesem Umfeld. Nutzen Sie zunächst Alltagsgelegenheiten: Diskutieren Sie mit, wenn es um aktuelle Fragen geht – ob das nun der Ausbau neuer Energien oder die Schulreform ist. Geben Sie Wissen und Erfahrungen weiter in Bereichen, in denen Sie sich auskennen – sei es die Gartenpflege, die Badezimmerrenovierung oder die Organisation eines Nachbarschaftsfests.

Denken Sie daran: Meister/innen fallen nicht vom Himmel, sondern Übung macht Meister/innen.

Fragen Sie außerdem gezielt in Ihrem Umfeld, wer daran interessiert sei, gemeinsam die Redefähigkeiten zu verbessern. Sicher finden Sie mindestens eine Handvoll Leute, die sich über Ihre
Initiative freuen.

Spielen Sie „Redner“verbale_kommunikation_rollenverteilung

Kinder bereiten sich spielerisch auf spätere Rollen vor: Sie spielen „Schule“, „Vater, Mutter, Kind“, aber auch Berufe. Machen Sie’s ihnen nach, und spielen Sie mit Ihren Freunden und Bekannten „Rede halten“. Jeder übernimmt reihum eine Rolle. Deshalb ist es gut, wenn Sie den Kreis überschaubar halten (5 bis 8 Leute). Vergeben Sie zuerst die Rolle des Moderators, der wichtigsten Person. Der bestimmt dann die weiteren Ämter:

Der Zeitnehmer achtet mit einer Stoppuhr darauf, dass die vorher festgelegte Redezeit genau eingehalten wird.

Der Füllwortzähler notiert alle „Äh“ und „Ehm“ und achtet auf die Ausdrucksweise.

Der Experte bewertet die sachliche Richtigkeit des Gesagten. Der Kritiker beurteilt den allgemeinen Auftritt, die Körpersprache den Gesamteindruck der einzelnen Beiträge und vergibt Sonderpunkte für Witz und geistreiche Einfälle.

Verfallen Sie bei Ihrem Feedback nicht in die Extreme: Lobhudelei ist genauso fehl am Platz wie die gnadenlose Aufzählung jeder einzelnen Schwäche. Geben Sie 1 oder 2 konkrete Anregungen für Verbesserungen. Spielen Sie so verschiedene Redesituationen durch: Geburtstagsansprache, Grußwort zur Eröffnung des neuen Sozialzentrums, Rede vor den Kollegen aus der österreichischen Filiale usw.

Die Kreativität herausfordern

Starten Sie mit kurzen, vollständig improvisierten Reden. Um Ihren Einfallsreichtum zu trainieren, legen Sie zu Beginn Ihrer Runde einen Begriff fest, der in allen Ansprachen vorkommen soll. Punkte sammelt derjenige, der das „Wort des Tages“ besonders originell in seinem Beitrag unterbringt.

Beispiel:
Sie bestimmen „Goldfisch“ zum Wort des Tages. Martina bekommt Bestnoten, weil es ihr gelingt, die verschiedenen Eigenschaften eines Goldfischs zum
roten Faden ihrer Rede zu machen.

Den Funken überspringen lassen

Längere Reden sollten Sie vorbereiten. Übertragen Sie Ihre Begeisterung an die Zuhörer. Grundregel: Es gibt kein langweiliges Thema, nur langweilige Vermittlung!

Besonders für Themen, in die Sie sich erst einarbeiten müssen, gilt: Erwärmen Sie sich erst selbst dafür, indem Sie für sich selbst Anknüpfungspunkte suchen. Wo gibt es etwa von Ihrem Pflichtthema „Wurstproduktion“ eine Verbindung zu Ihrem Lieblingsthema Fußball? Aha, Bayern-Manager Uli Hoeneß besitzt eine Wurstfabrik – schon rückt Ihnen die Wurstfabrik ein Stück näher! (Hüten müssen Sie sich dabei allerdings vor der Versuchung, nach ein paar Sätzen zum Thema Wurst ganz bei Hoeneß und dem Profifußball zu landen.)

Frei, aber mit Geländer verbale_kommunikation_gelegenheiten

Formulieren Sie Ihre Rede niemals fertig aus. Wenn Sie die ganze Zeit auf Ihr Manuskript starren, können Sie die Zuschauer nicht in Ihren Bann ziehen. Schreiben Sie die Stichwörter Ihrer Rede auf einen Zettel, der nicht größer sein sollte als eine Postkarte. Alternativ benützen Sie die Notizen-App von iPhone oder iPad. Dort können Sie auch einzelne Blätter anlegen, durch die Sie dann scrollen.

Die Stichwörter dienen zu Ihrer Orientierung und helfen, den Ablauf zu strukturieren. Das machen auch Profis so. Halten Sie sich ruhig an Ihrem Zettel fest (dann wissen Sie, wohin mit Ihren Fingern), und benutzen Sie ihn als Aufhänger („Vorweg zu Ihrer Beruhigung: So klein wie dieser Zettel, so kurz wird meine Rede“).

Der Augen-Trick

Auch wenn Sie an ein fest stehendes Mikrofon gebunden sind – bewegen Sie Ihren Körper während der Rede, soweit es das Mikro zulässt. Haben Sie ein mobiles Mikrofon (oder brauchen gar keines), dann nutzen Sie diese Freiheit. Beim Hin- und Hergehen entkrampfen Sie unwillkürlich Ihre Stimme!

Profi-Tipp: Schauen Sie nicht allgemein in die Menge, sondern sehen Sie abwechselnd einzelne Zuhörer kurz an. Zu Beginn solche, die freundlich gucken (die geben Ihnen Mut zum Weitermachen), und im Lauf der Zeit auch uninteressiert Dreinblickende – denn um die zu überzeugen, legen Sie sich ins Zeug und gewinnen dadurch an Lebendigkeit.

Übung macht den Meister

Wenn Sie sich immer wieder Situationen suchen, in denen Sie vor anderen sprechen, werden Sie von Mal zu Mal besser. Treffen Sie sich regelmäßig mit Freunden zum freien Reden, melden Sie sich bei Präsentationen und ähnlichen Anlässen freiwillig, oder schließen Sie sich den Toastmasters an.

Unter http://reports.toastmasters.org/findaclub/ finden Sie heraus, ob es auch in Ihrer Nähe einen solchen Club gibt.

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